7x7finticker: der Wochenrückblick 9.-13. Oktober

13 Oktober 2017 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

7x7finticker: der Wochenrückblick 9. – 13. Oktober 2017

präsentiert von der 7x7finanz

 Leitgedanke:

Ich habe keine Ausbildung in Ökonomie und hasse sie aus tiefstem Herzen.

Alfred Nobel

Thema der Woche: Warum tun wir was wir tun – und nicht was wir vorgeben zu wollen?

Am 9. Oktober wurde dem Amerikaner Richard Thaler der Wirtschaftsnobelpreis verliehen. Was der Forscher und Mitbegründer der Verhaltensökonomik herausgefunden hat und was wir vielleicht damit anfangen können, davon handeln die ausgewählten Berichte und Kommentare in unserem Wochenrückblick.

7x7finticker9. Oktober: Wer den Thaler nicht ehrt …

BERLIN (dpa) / FRANKFURT A.M. – Richard Thaler ist der 49. Träger des Wirtschaftsnobelpreises. Die schwedische Wissenschaftsakademie zeichnete den 72 Jahre alten Amerikaner nun mit dem Nobelpreis aus. Thaler habe wichtige psychologische Einsichten in der Wirtschaftswissenschaft vermittelt, heißt es in der Begründung der Entscheidung: „Er machte die Wirtschaftswissenschaft menschlicher.“

Thaler suchte vor allem Antworten auf die Frage, wann und warum Menschen sich nicht so verhalten, wie sie das eigentlich wollen. Dahinter steckte die wissenschaftliche Frage, wie Psychologie wirtschaftliches Verhalten jedes einzelnen beeinflusst. So erforschte er zum Beispiel das Sparverhalten von Menschen, ob sie genügend für ihr Alter vorsorgen und wenn nicht, woran das liegt – unter der Annahme, dass sie das wissen. Thaler war Wegbereiter und Mitbegründer der „Verhaltensökonomie“.

Quelle: faz.net (dpa)

 

10. Oktober: Lassen sich Sparer lieber „vernugden“ oder vernatzen?

BERLIN (dpa) / KÖLN – „Der neue Wirtschafts-Nobelpreisträger Richard Thaler hat viele Anhänger. Denn mit den Erkenntnissen des in Chicago forschenden und lehrenden US-Amerikaners können Menschen ihre Unvernunft beim Diäthalten, beim Sparen oder bei anderen finanziellen Entscheidungen bekämpfen.“ So leitet Markus Sievers sein Porträt des Nobelpreisträgers ein. Als Pionier der Verhaltensökonomie habe er die menschlichen Unzulänglichkeiten bei der Analyse ökonomischer Prozesse einbezogen. Ein Beispiel: Sparer ärgerten sich viel mehr über Verluste, als sich über Gewinne zu freuen. Dies führe zu systematischen Fehlern bei der Aktienanlage.

Das Konzept zum Umgang mit der irrationalen Seite des Homo sapiens, das Thaler mit dem Juristen Cass Sunstein entwickelte, wurde unter dem Begriff „Nudge“ berühmt. Gemeint sind damit kleine Anstöße, die im Umgang mit dem eigenen Schweinehund oder auch typisch menschlichen Denkfehlern helfen. So könnten Sparer, statt den ganzen Monat aufs Geld schauen und abwarten, was übrig bleibt, sich von einem Nudge helfen lassen und am Anfang des Monats mit einem Dauerauftrag die zu sparende Summe von vornherein vom Gehalt abzuzwacken.

Thaler brach mit dem Denken der traditionellen Ökonomie, für die der Mensch ein freies Individuum ist, das selbst am besten weiß, was gut für es ist. Daher warfen liberale Kollegen Thaler Paternalismus vor – die Bevormundung der Bürger.

Quelle: Kölner Stadtanzeiger (dpa) / Autor: Markus Sievers

 

11. Oktober: vom Homo oeconomicus zum Homo sapiens

BERLIN – „Bravo. Eine sehr gute Wahl.“: so bewertet Autor Thomas Straubhaar in der „Welt“ die Entscheidung der Nobelpreis-Jury für Richard Thaler. Im Gegensatz zum Verhaltensökonom und ebenfalls Preisträger (1992) Gary Becker sei Thaler „new school“ – was aber zu Beginn seiner Karriere noch nicht erkennbar gewesen sei. Damals ging es bei Thaler noch „um die Frage, wie sich Geschwindigkeiten auf Autobahnen optimal begrenzen ließen, oder – weiter ganz im Geiste der Neoklassik und von Gary Becker (auf den er sich auch explizit bezieht) – darum, wie weit sich nutzenmaximierende Kriminelle durch härtere Strafen von ihren bösen Taten abhalten ließen.“

Erst danach habe sich Thalers wissenschaftliches Interesse verlagert: Er wandte sich dem menschlichen Verhalten jenseits des rational handelnden Homo oeconomicus zu. Am Ende dieser Phase forderte Richard Thaler zu einer „Ökonomie ohne Homo oeconomicus“ auf. Im Jahr 2000 ging er noch einen Schritt weiter und verlangte einen Wandel der Ökonomik „vom Homo oeconomicus zum Homo sapiens“.

Den Nobelpreis für Richard Thaler  sieht Straubhaar als „ein klares Zeichen, dass die Ökonomik alltagstauglich zu werden hat.“ Sie solle sich von einem zu engen Menschenbild verabschieden. Zu einem besseren Verständnis ökonomischer Zusammenhänge bedürfe es der psychologischen Erkenntnis, „was Menschen zum Handeln oder Verharren, zum Gehen oder Bleiben, zum Flüchten oder Fighten, zu vernünftigen oder unvernünftigen Entscheidungen bringt.“

Quelle: welt.de / Autor: Thomas Straubhaar

 

12. Oktober: Schokotörtchen oder Rohkost?

BERLIN – Woher weiß der Mensch, was gut für ihn ist? Dieser Frage geht Jörn Schulz in jungle.world  nach. Der Kommentator wirft dabei einen sehr kritischen Blick auf das Wirken des Nobelpreisträgers Richard Thaler und überschreibt seinen Kommentar mit „Don’t Budge to the Nudge“. Eigentlich habe Gott den Nobelpreis verdient, eröffnet Schulz seinen Kommentar, denn „noch heute würden Adam und Eva im Paradies dösen, hätte Gott ihnen nicht einen kleinen Stups gegeben, den er mit einem ­fadenscheinigen Vorwand begründete, während es in Wahrheit darum ging, dass die beiden endlich ­arbeiten und in der großen weiten Welt ihren Nutzen maximieren sollten.“

Mit Thalers „Nudging“ – so Schulz – sollten Menschen animiert werden zu tun, was höhere Instanzen für ­rational halten. Thaler habe bereits als Ketzer gegolten, „weil er die sensationelle Feststellung machte, dass die Menschen im wirklichen Leben nicht immer das tun, was die höheren Instanzen für nützlich halten.“ Dabei sei er jedoch nicht ketzerisch genug gewesen, um zu untersuchen, ob diese Menschen womöglich rechthaben: „Wer nicht für das Alter spart, obwohl er Geld übrig hat, könnte zum Beispiel erwarten, dass seine sogenannte kapitalgedeckte Rente sich im Zuge der nächsten Finanzkrise in Luft auflösen wird, oder auf die Idee kommen, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen viel sinnvoller wäre. Aber wo kämen wir da hin?“ Thalers unausgesprochenes Ziel sei es wohl eher, den Menschen zu einem Homo oeconomicus zu machen, der seinen Nutzen dem von Staat und Kapital unterordne, ohne es zu merken.

Sein Fazit kleidet Jörn Schulz in ein treffendes Bild: „Wenn Sie in der Kantine das nächste Mal nur gut versteckt hinter Unmengen von Rohkostschälchen das Schoko­törtchen entdecken können, wissen Sie, wer schuld hat.“

Quelle: jungle.world / Autor: Jörn Schulz

 

13. Oktober: Kann ein Nobelpreisträger zu pragmatisch sein?

AARAU (CH) – „Wirtschaftswissenschafter Richard Thaler ist ein zu pragmatischer Nobelpreisträger“, befindet Daniel Zulauf in der Schweizerischen Aargauer Zeitung. Richard Thaler erforsche und finde praktische Ansätze, „mit deren Hilfe reale sozial- und wirtschaftspolitische Probleme gelöst oder wenigstens gelindert werden können“. Als Beispielprojekt führt Zulauf das System für die private betriebliche Altersvorsorge an, das die britische Regierung unter David Cameron landesweit einführte. Es sollte die Leistungen der staatlichen Altersversicherung ergänzen. Sämtliche Berufstätige ab dem Alter von 22 Jahren und einem Jahreslohn von 8000 Pfund wurden aufgefordert, einen Teil ihres Gehaltes in den Pensionsfonds einzuzahlen. Sie wurden darüber informiert, dass die Einzahlung ohne gegenteiligen Bericht (opting out) automatisch erfolge. Der Trick gelang: Von den 10 Millionen Personen, die sich für eine Teilnahme an dem Pensionssystem qualifizierten, entschied sich nur etwa jeder Zehnte aktiv, das Angebot zurückzuweisen. Thaler hatte der britischen Regierung empfohlen, diesen «Nudge» einzubauen, also die Versicherten sanft in die private Altersvorsorge „hineinzuschubsen“.

Hier kommt der Kommentator an einen kritischen Punkt: „Thaler wird sich mit Bezug auf die Erfolge beim Pensionssystem zu Recht sagen können, ein offenkundiges Problem sei immerhin entschärft worden. Doch der Professor wird sich gleichzeitig eingestehen müssen, dass seine Ideen vor allem auch der Symptombekämpfung Vorschub leisten.“ Denn das Problem könne ja auch einfach darin bestehen, „dass es eine breite Schicht in der britischen Gesellschaft gibt, die zu wenig verdient.“ Statt zu «nudgen» – so der Autor – hätte sich Cameron auch fragen können, „ob er die Mindestlöhne herauf- oder die Steuern für Tieflohnbezüger heruntersetzen sollte.“ Dafür müsse eine Regierung aber auch den Mut haben, unangenehme Entscheidungen zu treffen und sich dem Risiko einer Abwahl auszusetzen. Genau das sei aber nicht die Stärke von Politikern wie Tony Blair, David Cameron, Barack Obama oder Angela Merkel, findet der Autor. Darin könne auch der tiefere Grund liegen, „weshalb just diese Regierungschefs so viel Freude an Thalers Ideen des ‚nudging‘ haben“.

Quelle: aargauerzeitung.ch / Autor: Daniel Zulauf

 

FAZIT:

Unsere Forschung hat die Pensionssysteme rund um die Welt im großen Stil verändert.

Richard Thaler, Nobelpreisträger 2017

 

Ein von Verhaltenszwängen befreites Wochenende wünscht Ihnen die 7x7finticker-Redaktion!

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