7x7finticker: der Wochenrückblick 7.-11. August

11 August 2017 Keine Kommentare PDF Drucken Drucken

7x7finticker: der Wochenrückblick 7.-11. August 2017 / präsentiert von der 7x7finanz

 Leitgedanke:

„Keine Investition ist sicher, aber einige sind sicherer als andere.“

Gerd Gigerenzer (Zitat aus dem Buch „Risiko – wie man die richtigen Entscheidungen trifft“)

Thema der Woche: Risiko und Absicherung von Geldanlagen

„Es lügt auch der, der die Wahrheit verschweigt“ sagt ein schottisches Sprichwort. Wie sparsam man mit der Wahrheit umgehen oder die Wahrheit umgehen kann, zeigen auch die Kommentare und Berichte unseres heutigen Newsletters zum Thema Risiko und Geldanlage.

7x7finticker7. August: Wie viel Absicherung braucht man?

FRANKFURT – Die Finanzwelt macht Geschäfte mit Risiken, was dem Durchschnittsbürger höchst suspekt ist. Dabei gibt es eine ganz einfache Lösung, meint Gastautor Reinhard Panse in der FAZ:

„Die Finanzwelt macht Geschäfte mit Risiken, was dem Durchschnittsbürger höchst suspekt ist. Otto Normalverbraucher beherrscht schließlich nicht die Wahrscheinlichkeitsrechnung, und die ist ihm auch herzlich gleichgültig. Dass man mit Mathematik Risiken begrenzen kann ist eine Black Box für, sagen wir 99 Prozent der Bundesbürger. Und weil das so ist, steuert Deutschland auf eine gigantische Altersarmut zu. Nehmen wir die Branche der Vermögensverwalter. Zu ihrem Geschäft gehört es, den Kunden eine gewisse Rendite zu versprechen und gleichzeitig Abstürze an der Börse zu vermeiden. Letzteres erfolgt bei den Vollprofis durch eine Art Versicherung an den Börsen.

Niemand kann die Zukunft voraussagen, aber man kann sich durch gewisse Instrumente gegen Abstürze an der Börse versichern. Solche Versicherungen kosten allerdings Geld, und je mehr sie kosten, desto mehr schrumpft die Rendite. Eigentlich alles ganz einfach. Versicherungen müssen Risiken kalkulieren und verlangen dafür eine Prämie. Auf dieser Basis wetten sie gegen den Vermögensverwalter. Liegen sie daneben, verlieren sie Geld. Und der Anleger hat den Absturz vermieden. Hat der Vermögensverwalter sich nicht versichert, um höhere Rendite zu erzielen, drohen ihm beziehungsweise seinen Anlegern Verluste. Die zentrale Frage ist: Wie viel Versicherung gegen Risiken braucht eine moderne Geldanlage heute?“

… „Ein Beispiel: Wenn ein 37 Jahre alter Mann 100 Euro in eine klassische Rentenversicherung anlegt, ergibt sich nach 30 Jahren eine monatliche Rente von 163 Euro. Wenn er den gleichen Betrag in ein globales Aktienportfolio investiert, ergibt sich voraussichtlich eine Monatsrente von 294 Euro, was mypension.de berechnet hat. Der Grund ist, dass globale Aktienanlagen über Jahrzehnte durchschnittliche Renditen von mindestens 6 Prozent einschließlich Dividenden bringen, und zwar inklusive zwischenzeitlicher Kurseinbrüche. Die Risiken sind dabei fast zu vernachlässigen.“

Quelle: FAZ.net, Autor: Reinhard Panse (Geschäftsführer und Chefanlagestratege von HQ Trust, dem Multi-Family-Office der Familie Harald Quandt!)

 

8. August: Da war doch was… zehn Jahre Finanzkrise und nichts gelernt?

TICINO (CH) – An die Ursachen der Krise erinnert die Schweizer Tageszeitung Corriere del Ticino. Unter der Überschrift „Aus Gier die Grenzen nicht gesehen“ heißt es:

„Vor zehn Jahren schien die Globalisierung ein Phänomen, dem keine Grenzen gesetzt sind. Teil davon waren die neuen Finanzmittel, die mit exotischen Namen das Risiko des Käufers verschleierten. In dem unendlichen Netz der Verbriefungen verschwand der eigentliche Schuldner. Das Ende der Trennung zwischen Kredit- und Investmentbank ermunterte zu den waghalsigsten Operationen. … Die große Liquidität und die niedrigen Zinsen eröffneten, in den Augen der Finanzdealer, unendliche Weiten für den Gewinn. Doch wächst das Geld nicht auf Bäumen, weder damals noch heute. Auch nicht dank noch so ausgeklügelter Algorithmen.“*

*Dieses und andere Zitate der Weltpresse finden sich bei eurotopics.net in der Zusammenstellung: „Zehn Jahre Finanzkrise – was haben wir gelernt?“, Quelle: www.eurotopics.net

Zu demselben Thema s.a. die Blogmeldung „Heute vor zehn Jahren begann die Finanzkrise“ am 9.8. unter 7x7finanz.de

 

9. August: Risiko Klimawandel – Banken als Umweltsünder vor Gericht

BERLIN taz – Im Kampf gegen den Klimawandel gibt es eine neue Waffe: Klagen gegen Banken, die keine Angaben dazu machen, wie viel Geld sie in fossile Energien stecken. Ein aktuelles Beispiel beschreibt Ingo Arzt in der taz:

„Das Ehepaar Kim und Guy Abrahams aus Melbourne in Australien könnte sich am Dienstag einen Platz in der Geschichte des Klimaschutzes gesichert haben. Die beiden sind seit mehr als zwanzig Jahren Aktionäre der Commonwealth Bank of Australia. Jetzt reichte das Paar Klage beim australischen Bundesgerichtshof ein, weil die Bank in ihrem jüngsten Geschäftsbericht ein Risiko verschweige – den Klimawandel. Es sei weltweit das erste Mal, dass eine Bank deshalb verklagt werde, sagt David Barnden, der als Anwalt bei der Umweltorganisation Environmental Justice die Abrahams vertritt.

Die Forderung: Die Bank soll angeben, wie viel Geld sie in fossile Energieträger investiert – etwa in die umstrittene Carmichael-Kohlemine in Queensland. Solche Anlagen könnten wegen des internationalen Klimaschutzes wertlos werden und stellen somit ein finanzielles Risiko für die Bank dar, so die Argumentation. Außerdem müsse die Bank ermitteln, wo Stürme oder ein steigender Meeresspiegel etwa Immobilien zerstören könnten, in die sie investiert hat.

Als politisches Signal ist die Klage auch bedeutend: Regulie­rungsbehörden weltweit drängen Banken und Versicherer darauf, Klimarisiken in ihren Bilanzen klarer abzubilden – damit können sich Investoren von Firmen verabschieden, die zu viel Geld in fossile Energieträger stecken. Deutschland steht dabei noch am Anfang. Eine Berichtspflicht für durch Klimaschutzmaßnahmen gefährdete Geldanlagen gibt es nicht. Allerdings müssen Unternehmen Risikoberichte vorlegen. Sollte es etwa ein Gesetz zum Kohleausstieg geben, muss das als Risiko genannt und bewertet werden. Aber ab wann muss ein Unternehmen seine Investoren vor Wertverlusten warnen, wenn es, wie aktuell, nur eine allgemeine Debatte über einen Kohleausstieg gibt? Und könnten Aktionäre klagen, wenn die Risiken nicht adäquat dargestellt sind?“

Quelle: taz.de, Autor: Ingo Arzt

 

10. August: Made in Madi – Literarische Innenansichten aus der Finanzwelt

BONN – Der türkischstämmige und in Deutschland lebende Autor Tekin Tegida („ich gehöre zur zweiten Generation einer Gastarbeiter-Dynastie“) veröffentlicht seit Juli 2017 auf der Internetseite der Literaturzeitschrift „Kritische Ausgabe“ in Etappen seinen Erzähltext „Rattenrennen“. In der Etappe 3 geht es unter dem Titel „Im Narrenturm“ um seine ersten beruflichen Erfahrungen in der Finanzwelt. Darin beschreibt er seine Tätigkeit als „Produktspezialist“ bei MADI, einer Fondsgesellschaft der „Kopfschmerzbank“*:

„Manchmal wurden auch die Risikocontroller verantwortlich gemacht, die in der Theorie frühzeitig vor Risikowerten hätten warnen sollen. Viele Ratten verließen in dieser Zeit das sinkende Schiff und nahmen die überaus lukrativen Abfindungen im sechsstelligen Bereich mit, die der Konzern ihnen anbot. Der Ausdruck free lunch gewann eine neue Bedeutung. Als Konsequenz der Gier nach neuen Mittelzuflüssen wurden viele Fonds, von denen einige ausschließlich mit Firmenkapital (seed money) ausgestattet waren, nach kürzester Zeit und mit hohen Kursabschlägen geschlossen. Fondsschließungen waren letztlich gesund für die ganze Branche: Man konnte so der Öffentlichkeit neue Versprechungen und profitable Ziele präsentieren, die anders nicht möglich gewesen wären. So wurden bei uns in dieser Zeit beispielsweise knapp 60 Fonds geschlossen oder mit anderen Fonds fusioniert. Damit waren wir endlich mal an der Tabellenspitze. Dies war auch dem Vorstand nicht entgangen, der daraufhin diese wenig schmeichelhafte Auszeichnung voller Enthusiasmus in einer Email mit dem Betreff »Madi bei Fondsschließungen ganz vorne« zusammenfasste. Angeblich war sogar der zuständige Geschäftsführer erfreut. Gleichzeitig verhängte der Konzern einen Einstellungsstopp. Die Außerkraftsetzung eines der wichtigsten Postulate der Marktwirtschaft schuf ein ganz eigenes Eldorado – ein Paradies für Intriganten, Speichellecker und Profiteure. Währenddessen wurde ich, der hauseigene Quotenausländer, eher wie eine eklige, unerwünschte kleine Made behandelt.“

*scherzhafter Name für die Commerzbank (d. Red.)

Autor: Tekin Tegida, Quelle: kritische-ausgabe.de

(Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Ihre Arbeit wird durch Spenden an einen Förderverein ermöglicht.)

 

11. August: Bankhaus fürchtet Risiken für die Reputation

DÜSSELDORF – Die Schweizer Bank Credit Suisse verbietet Transaktionen mit bestimmten Venezuela-Anleihen. Das Finanzinstitut wolle nicht in Geschäfte mit der Regierung Venezuelas verwickelt sein, die Menschenrechte verletzte. Das meldet die Wirtschaftswoche und führt weiter aus:

„Die Schweizer Großbank Credit Suisse hat ihren Mitarbeitern Transaktionen mit bestimmten Venezuela-Anleihen untersagt. Geschäfte mit der Regierung Venezuelas und staatlichen Agenturen des südamerikanischen Landes müssen genehmigt werden, wie aus einem internen Schreiben hervorgeht, das die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag einsehen konnte. Es solle geprüft werden, ob Risiken für die Reputation des Geldhauses bestünden. Das Finanzinstitut wolle nicht in Transaktionen mit einer Regierung verwickelt werden, die die Menschrechte verletze. Ein Credit-Suisse-Sprecher bestätigte auf Anfrage den Inhalt der Mitteilung.“

Quelle: wiwo.de

Dazu eine Frage der finticker-Redaktion: Wieso fürchtet eine Bank um ihre Reputation wegen Venezuela und zieht entsprechende Register, unternimmt aber nichts dergleichen bezüglich der Abhängigkeit von Katar? (die ja schon länger auch bei der Deutschen Bank, VW und anderen gegeben ist und aktuell auch bei Solarworld droht)

 

FAZIT: „Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“

Joachim Ringelnatz (wird auch Karl Valentin zugeschrieben)

 

Was bedeuten 30% Regenwahrscheinlichkeit? „Eine Frau in New York: Ich weiß, was 30 Prozent bedeuten: Drei Meteorologen denken, es wird regnen, und sieben nicht.“

(aus: Gerd Gigerenzer, „Risiko – wie man die richtigen Entscheidungen trifft“)

 In diesem Sinne wünscht Ihnen ein schönes Wochenende mit hoher Sonnenwahrscheinlichkeit

Ihre 7x7finticker Redaktion

Artikelstichwörter: , ,
Schwerpunktthemen: Aktuelles, Medienberichte, Wochenrückblick

Kommentar hinterlassen

Kommentar hier hinterlassen, Trackback auf Ihrer Seite einfügen oder Kommentare als RSS abonnieren.

Um zu Ihrem Kommentar automatisch ein Bild einzufügen registrieren Sie sich bei Gravatar.